Zeit ist relativ

am

Früher war ich eine der wenigen, die nicht nur die allgemeine, sondern auch die spezielle Relativitätstheorie zumindest theoretisch begriffen hatte. Kurzform: Materie krümmt die Raumzeit 😉 . Soll heißen, dass Zeit letztendlich immer vom Betrachter abhängig ist.

Und so kann man sich vorstellen, dass Zeit sich für jemanden, der Umbrüche in seinem Leben vornimmt, eher wie ein F1-Bolide auf Rennstrecke anfühlt. Kleine und große Entscheidungen wollen und müssen getroffen werden. Gut, wenn man sich Zeit zum Planen gelassen hat. Zuviel Planung kann nach meiner Erfahrung aber auch hindern.

Während ich, wie im zugegebenermaßen schon lange zurückliegenden letzten Artikel, also mit einem verrückten Cafe-Projekt beschäftigt war, hatte mein Sohn sein ganz eigenes Ziel im Visier. Mein -vorerst teilweiser provisorischer -Auszug fiel zusammen mit seinem Start zu einer Tour auf 2 Rädern gen Süden. Genauer? Also während ich jeden Tag neue Herausforderungen bewältigte, fuhr das Kind alleine auf seinem selbst zusammen geschraubten Schulfahrrad über die Alpen, weiter durch die Karpaten insgesamt 4,5 Monate durch Europa, Endstation ASIEN.

Apropos ausreichende Planung: Diesen Traum hatte er eigentlich schon 3-4 Jahre vorher. Sein Zimmer zierten Landkarten mit Fähnchen, Streckenabschnitte, Orte, die er unbedingt besuchen wollte, waren gekennzeichnet und eine GoPro hatte es damals vom Weihnachtsmann auch gegeben. Natürlich erst, nachdem er diesen Plan schon über ein Jahr vervollständigt, die Route perfektioniert hatte. Und dann kam ihm gleich nach dem Abi das Leben dazwischen. Er bekam Angst vor der eigenen Courage und wählte den Weg der Sicherheit – ab ins Studium. Nur dass das dann nicht so war, wie erwartet. Als sich sein Schicksalsrad dann nochmals drehte, begriff er, dass er seinen Traum endlich leben mußte. Der neue Plan samt Umbau des Fahrrads und genügend Geld verdienen, wurde innerhalb von 3,5 Monaten umgesetzt. Wobei es ihm nur um den Lebensunterhalt während der Tour ging, seine Ausstattung war äußerst minimalistisch. Wenn ihn Andere nach seiner Ausstattung fragen – das ist im Sportbereich üblich- antwortet er gern, dass die wichtigste Ausstattung der feste Wille sei. Überhaupt loszufahren, das MACHEN, nicht das Zerdenken, ist der stabilste Rahmen für einen Traum. Merkt man, dass ich stolz auf ihn bin?

Und so reicherte er – glücklicherweise noch in 2019 – seine Lebensgeschichte mit einer nächtlichem Hochsitzhorrorstory, einer Schafschur in Albanien, Honiggewinnung in Griechenland – währenddessen nicht nur die Bienen unter Drogen standen -, Kinderstrassenfußball in Rumänien, vielen späten Kaffees auf dem Campingkocher und einigen atemberaubenden Sonnenaufgängen an, und kam 4500 km weiter Anfang August in Istanbul an. Nur einen Monat später war ich dann auch „schon“ in Besitz meiner Konzession. Ja, die Ämter arbeiten so schnell sie eben können. Trotzdem eröffnete ich schon Mitte Mai, da ich die mündliche Zusage erhalten hatte – und ehrlich : No risk, no fun ;).

„Wer nichts wird, wird Wirt.“ – so einfach ist es dann doch nicht, denn die Anforderungen an gastronomische Objekte sind enorm. Und stehen im krassen Gegensatz zur momentanen Systemrelevanz – sorry ein wenig Sarkasmus muss erlaubt sein.

Während also mein Sohn durch die Gegend radelte – ähhhh, sich durch die Alpen quälte – half mir eine meiner Schwestern beim Streichen. Natürlich erst, nachdem sie mit dem Akkubohrer im Anschlag, kritisch alle noch abzunehmenden oder anzubringenden Objekte genauestens unter Aufbrüllen des Bohrwerks -heißt das so???- begutachtet hatte. Mit Schwester Nr. 2 ging ich telefonisch die Speisekarte durch, denn durch den Umzug in den Wohnwagen war ich etwas abgeschnitten, was Elektronik anging. Mit Wein und viel Rumblödeln entstanden dabei so nette Frühstücksnamen wie Max Lax, Emily Einhorn, Sunny Sunshine oder Warmduscher Kevin. Nur eines vergaßen wir beide, und auch beim Korrekturlesen fiel es mir nicht ins Auge: auf der Karte fehlte der Cappuccino. Naja, da musste der Service (also ICH) halt ein wenig mehr am Tisch kommunizieren.

Da mir die entsprechenden Kapazitäten nicht zur Verfügung standen, ließ ich die Aussenwerbeschilder einfach weiß und machte – außer einigen Flyern- nicht wirklich werbewirksam auf die Eröffnung aufmerksam. Einen Ansturm hätte ich aber auch anfangs noch gar nicht bewältigen können,. Ich eröffnete heimlich still und leise mit 12 Tellern…

Hier ein paar Fotos vor und während der Renovierung:

Und hier ein paar nettere Bilder 😉

In so einem Dorf funktioniert der Buschfunk aber erstaunlich gut, und so mußte ich schon bald Mitarbeiter suchen und mehr Geschirr anschaffen. Es lief immer besser, die Außenwerbung bekam ihr Gesicht und drinnen stellte der erste Künstler seine Bilder aus, die nächsten bewarben sich, und ebenso lief es mit den Mitarbeitern. Zu den 3 Aushilfen kamen noch 2 Schüler, um das Arbeitsaufkommen zu bewältigen. Mehr Menschen bedeutet aber auch, mehr Kommunikation, um Abläufe anzulernen und zu vereinheitlichen, mehr Gäste bedeutet wiederum mehr Vorausplanung, mehr Einkauf, mehr Produktion – und ich habs gewuppt. Einen Tag nach dem anderen. Neben den normalen Sachen, wie eine abwechslungsreiche Kuchen- und Tortenauswahl mit Herz für Randgruppen (Veganer & Glutenvermeider) zu produzieren, habe ich auch Frühstücksbuffets hinbekommen oder ein anspruchsvolles 3-Gänge-Menü für 35 Gäste punktgenau gekocht. Und nein, ich habe das nicht gelernt. Fragt nicht, wie oft ich in der (kleinen!) Küche stand und ein Stoßgebet zum Himmel schickte: „Bitte lasst niemanden merken, was für ein Stümper ich bin!“.

Naja, als Stümper bin ich ja vielleicht besser als der Durchschnitt 😉

Zusätzlich fand sich Ende Mai noch eine winzige aber unschlagbar günstige Wohnung mit GARTEN in der Umgebung und ich managte dann jeweils an meinem wöchentlichen Ruhetag über Wochen den Umzug. 3,5 Zimmer auf 1 Zimmer zu verkleinern ist nicht so einfach. Ich hatte mich eigentlich sogar schon damit abgefunden, mein geliebtes Big Sofa loslassen zu müssen, aber es passte dann doch in die neue Wohnung. Wirklich überrascht hat mich das Fusseltier. Das war schließlich bis dato ein reiner Stubentiger, mauserte sich aber in kürzester Zeit zum Dorfschrecken der anderen Plüschis. „Killercat“ – ein Name, den man sich erstmal verdienen muss, wurde ihr von der Nachbarin verliehen. Nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten klappte es dann auch mit ihr wunderbar – wenn ich nach Hause komme, ist sie ebenfalls anwesend.

So war ich in 2019 ziemlich beschäftigt, das Privatleben ließ zu wünschen übrig. Trotzdem fanden sich neue gute Bekannte, ein bisschen Kultur im Umland, sowie Entspannung im Garten. Gleichzeitig stellte ich fest, mit der Wohnungsentscheidung eine überwiegend gute Wahl getroffen zu haben – vom „Altenheim“ mit lauter verschrobenen Singles vielleicht irgendwann mehr. Das neue Jahr 2020 wollte ich ein wenig ruhiger angehen, machte mir Gedanken, wie ich von meiner 70- Stunden-Woche wegkommen konnte, und dann

KAM ALLES ANDERS.

Ihr Lieben,

so einige von Euch sind – aus Versehen oder bewußt 😉 – auf den Folgen-Button hier bei mir bei WordPress gekommen. Eine kleine neugierige Aufforderung an mich also.

Ich habe mich in letzter Zeit im Eisköniginnen-Modus aufgehalten, nicht erstarrt, aber im Hinblick auf kommende Veränderungen doch abwartend und zurückhaltend. Denn wie es gerade weitergeht, weiß ich noch nicht im Detail. Aber Leben ist Veränderung – genau genommen ist die Veränderung das einzig Sichere 🙂 . Heute haben wir den Eis-Vollmond und mein Vollmond-Ritual wartet auf mich. Vollmond- Rituale helfen dabei, loszulassen. Der Mond, von der Sonne bestrahlt, also im Feuer stehend, und im weiteren Verlauf abnehmend, nimmt Altes mit, entlastet uns und unsere Seele.

Auch über das Schreiben läßt man Altes los. Und dass ich ausgerechnet heute schreibe, ist natürlich kein Zufall, besonders, wenn man sich mal lunarterminiert genannt hat. Die Erinnerungen dürfen gehen, und ich lasse Euch nicht im Unklaren über den Sprung, den ich damals tat und nicht bereut habe. Ich habe unglaublich viel gelernt über mich. Jedoch die Sinfonie ist jetzt beendet, und es ist gut. „…aber Dein Herz hing doch so daran…“, meinte neulich jemand. Stimmt, und doch folge ich meiner Intuition and „…take the elevator to the good site of life…“

Zu 2020 gibts nur ein paar kurze Sätze:

Lockdown – Außer-Haus-Verkauf – ein eiskalter K(r)ampf, mehr als Werbekosten zu verstehen. Positiv: während des Lockdowns legte ich in meinem Garten Beete an, und konnte einige Zeit später Gemüse und Kräuter ernten.

Nach 2 Monaten endlich wieder öffnen – aber ALLE Mitarbeiter hatten sich „umorientiert“. Wir wohnen auf dem Dorf, da findet sich so schnell niemand, und die Gäste/Touristen standen schon in den Startlöchern.

Also neues Konzept – war ich halt ab sofort ein Ein-Frau-Unternehmen – bei den heftigen Auflagen sowieso das Beste, schließlich lag die Umsetzung in meiner Verantwortung.

Nach 3 Monaten ohne Putzfrau, dazu noch Einkauf, Produktion, Gäste bedienen und Auflagen einhalten…. kurze „Ferien“ – die Buchhaltung schrie förmlich nach mir.

Auch im Herbst genauso weitergemacht mit der Ungewissheit des WANN KOMMT ER? im Nacken, die sich dann Anfang November in Gewissheit wandelte..

Fazit: Ein Drittel des Jahres (4 Monate!!!) nichts tun können, und trotzdem Beine und Rücken am Ar…, von der Psyche reden wir lieber gar nicht.

Das positive im Jahr 2020 – Fusselchens Garten:

Danke an Alle, die bis hierhin gelesen haben. Danke an Alle, die mich begleitet haben. Ich denke, die Zeit der Gastroqueen hier auf WordPress ist abgelaufen, einfach weil eine Gastroqueen ohne Gastro nicht passt. Irgendwie bin ich ja auch beides: Die, die wirklich gern Gastgeberin ist und in ihrer Hexenküche mit Liebe und Magie leckeres Gedöns zaubert und auch Luna. Ihr wißt schon, das ist die, die Karten legt und ziemlich intuitiv unterwegs ist. Mal schauen, wie ich es schaffe, beide unter einen (Hexen-)Hut zu bekommen. Ich halte Euch auf dem Laufenden, vielleicht hier, vielleicht auch auf anderen Wegen.

Habt eine wundervolle Vollmondnacht

Eure Andrea, der sicherlich ein neuer Avatar einfallen wird

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Erfolge und Misserfolge liegen oft sehr nah beieinander, diese Botschaft transportierst Du in Deinem Artikel stark, finde ich.
    Einerseits war ich beim Lesen erfreut, über die Erfolge von Deinem Sohn und Dir. Um daraufhin etwas ernüchtert zurück zu bleiben, aufgrund der Auswirkung der von außen erzwungenen Umstände.

    Ich hoffe, dass Du in der Zukunft neue Herausforderungen für Dich finden kannst, die Dich nicht nur beschäftigen, sondern auch weiterhin inspirieren. Intuition ist ja alles bei Dir. 😉 Und wenn Du da mit derselben Leidenschaft herangehen kannst, wirst Du auch das wieder zum Erfolg führen. Dein Sohn hat schon Recht, wenn er sagt, dass das wichtigste das Machen sei. Aber wenn Du dann noch Deine persönliche Note mit reinbringen kannst, nimmt das ganz bestimmt wieder so eine Entwicklung, wie es die vielen schönen Fotos erahnen lassen!

    Glück auf!
    Alles Gute für Dich! 🙂

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    1. Gastroqueen sagt:

      ganz lieben Dank, mein Lieber! Schön, dass Dir das mit der Intuition aufgefallen ist *grins* – ich bin ja überzeugt davon, dass auch Du auch Dein spezielles Team in Dir hast, das Dir jederzeit helfen kann. Ein wenig zeigen sich die neuen Herausforderungen schon und demnächst schreibe ich auch hier mehr davon – es bleibt spannend.
      Verschneite Grüße aus dem Norden – jaaaa wirklich, kaum zu glauben, oder? 😉

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  2. Der Thomas sagt:

    Liebe Andrea,

    den Vollmond habe ich leider verschlafen.
    Veränderungen, Erfolg, Zufriedenheit, Intuition, Erfüllung und ferngesteuert… das sind die Begriffe, die mir einfallen. Ich bin mir sicher, dass das Thema Kaffeehaus ein wichtiger Schritt auf Deiner Weiterentwicklung war, ein Traum, den Du Dir erfüllt hast und der so nicht funktioniert hat, weil manchmal eben alles anders kommt, als man denkt. Eben ferngesteuert.
    Kämpfen kann man eine ganze Weile aber irgendwann ist auch gut und vor allem muss man auf der rauen See auch irgendwann mal wieder einen Leuchtturm sehen. Und wenn es sich nicht mehr richtig anfühlt, ja, loslassen, unbedingt.
    Sicher bin ich mir aber auch, dass Du eine neue Erfüllung findest, Dir das Universum auch dabei hilft. Deine Intuition sowieso. Verdient hast Du es allemal. Ich bin gespannt!

    Liebe Grüsse
    Thomas

    Gefällt 1 Person

    1. Gastroqueen sagt:

      Lieber Thomas,
      -ferngesteuert- das Wort passt so gar nicht zu mir. Ich seh es eher so, dass man sich auf veränderte Umstände einstellt, call it Evolution, oder so 😉 . Mein Leuchtturm ist wieder sichtbar und klar bekommt man immer das, was man verdient hat.
      Weißt Du, apropos Intuition, wichtig ist doch einfach, dass man sein Leben liebt und entsprechend der Freude folgt. Letzteres hat mir vor einiger Zeit ein guter Bekannter erklärt, weil ich etwas fest hing. Ich hab halt viel (über mich) gelernt in der Zeit, was anscheinend wichtig war. Natürlich finde ich es super, wenn Menschen einen schlüssigen und geradlinigen Weg (ver)folgen. Ich gehöre eben nicht dazu. Mein Leben ist bestimmt vom Loslassen müssen. Zu einigen Zeiten gelingt es mir besser als zu anderen. Mein Feuer hilft grundsätzlich dabei, Altes zu verbrennen. Und klar, nur aus der Asche kann der Phönix auferstehen. Demnächst dann hier mehr davon.
      Liebe Grüße
      Andrea

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